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Zehn «Bürgerleitlinien» für Berlin Mitte

Partizipative Planung führt zu «überraschenden» Empfehlungen für die Quartiersentwicklung

 

Text: Elias Baumgarten – 1.12.2015
Foto: Szczecinolog

 

Das Wort «Partizipation» hat im aktuellen Architekturdiskurs Hochkonjunktur. Besonders in Deutschland aber auch in der Schweiz versuchen Architekten partizipative Prozesse in Gang zu bringen und Bevölkerung in den Entwurfsvorgang zu involvieren. In Berlin Mitte konnten nun als Ergebnis solcher Bemühungen, die oft guten Intentionen zum trotz an kritikwürdigem Prozessdesign kranken, zehn «Bürgerleitlinien» definiert werden, die als demokratisch legitimierte Empfehlung für die künftige Entwicklung des Quartiers anzusehen sind – ohne freilich politisch bindend zu sein. Um möglichst breite Kreise der Bevölkerung zu aktivieren, wurde über knapp ein Jahr grosser Aufwand betrieben: Online-Dialoge und Kolloquien wurden abgehalten, Erkundungstouren durchgeführt, Bürgerwerkstätten und geführte Spaziergänge organisiert. Und schon lange im Vorfeld berief die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt das Kuratorium «Berlin Mitte» ein, um adäquate Verfahrensqualität sicherzustellen und nicht in bekannte methodische Fallen zu tappen.

plattformnachwuchsarchitekten spricht angesichts der Ergebnisse von einer «wunderbaren Überraschung»: Die klare Mehrheit der Beteiligten wünscht sich demnach einen nicht kommerziellen, grüngeprägten öffentlichen Freiraum und votiert daher gegen eine weitere Bebauung. Berlin Mitte soll ein Ort für alle sein, eine «grüne Oase», soll ein Hort für Kultur und Kreativität werden. Das Stadtzentrum soll inspirieren. Ausserdem sollen temporäre Nutzungen eine ständige Transformation des Quartiers evozieren. Massnahmen der Verkehrsberuhigung sollen Berlin Mitte leiser machen, Wohn- und Lebensqualität steigern, während gleichzeitig eine bessere Vernetzung mit den umliegenden Stadtvierteln angestrebt wird. Freilich bleibt zu hinterfragen, ob diese schönen und doch romantisch-verklärt und normativ anmutenden Visionen wirklich derart unerwartet sind. Sind solche Panungsprozesse, obschon sie einer positiven Intention entspringen und gewiss die Akzeptanz architektonischer Interventionen steigern, wirklich mehr als Bestätigungsmechanismen etablierter Klischees und Idealbilder? Und falls nein, brauchet es dann eine derart teure und ambitionierte Methodik, um zu identen Ergebnissen zu gelangen?

Jetzt bleibt also abzuwarten, ob die Berliner Abgeordneten der Empfehlung folgen, ob die erarbeiteten Ergebnisse, in sich nicht völlig kohärent, umsetzbar sind und ob sich der Aufwand somit am Ende bezahlt macht. plattformnachwuchsarchitekten nimmt sich indes bereits dem nächsten Aufgabe an: Zu den Themen Wohnen als Grundrecht für Alle und Flüchtlingsunterbringung in Berlin findet am 9. Dezember im Ladenlokal an der Nazarethkirchstrasse 39 um 19.00 Uhr eine Diskussion statt.

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