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Tragfähige Lösungen?

«A Home Away From Home» – Neue Konzepte für leistbaren Wohnraum in den Niederlanden

 

Derzeit kommen deutlich weniger Migranten nach Mittel- und Nordeuropa als auch schon. Doch die Krise schwelt weiter, wie die angespannte Situation an der Schweizer Südgrenze eindrücklich vor Augen führt. Zudem bringt der sprunghafte Bevölkerungsanstieg Herausforderungen mit sich, die bislang nicht gemeistert werden konnten: Noch immer mangelt es an überzeugenden Konzepten zur Unterbringung und Integration.

In den Niederlanden hat die Zentrale Unterbringungsbehörde für Asylsuchende (COA) gemeinsam mit dem Reichsbaumeister einen Wettbewerb ausgelobt, um Alternativen zu den fragwürdigen Wohncontainern zu entwickeln. Ob die prämierten Konzepte allerdings dauerhaft tragfähig sind und sogar die allgemeine Wohnungsnot im Land lindern können, muss in Frage gestellt werden.

 

Text: Elias Baumgarten: 22.9.2016

Laut Reichsbaumeister Floris Alkemade können Containersiedlungen kein Dauerzustand sein. Ausserdem müsse zugleich, so der Alkemade, die angespannte Wohnsituation in Holland dringend verbessert werden, denn heute sei eine Wohnung selbst für Doppelverdiener eine haushohe Hypothek. Der Wettbewerb «A Home Away From Home» zielt daher auch auf dauerhafte, erschwingliche Wohnkonzepte für Genringverdiener. Nun wurden in den beiden Kategorien «Umnutzung» und «Neubau» insgesamt fünf Gestaltungen ausgezeichnet: «ComfortCity» von Anneloes de Koff und Pieter Stoutjesdijk, «Hotel – Nice to Meet You!» von Rik Tuithof und Stephan Verkuijlen, «Evolutionary wooden buildings» von Jurian Knijtijzer und Finch Buildings, «New neighbours, new yards, new harvests» von Haiko Meijer und Onix, «Solar Cabin» von Bram Zondag und Arjan de Nooijer sowie «Re-Settle» von René van Zuuk.

Lösungen, die deutlich über Provisorien hinaus gehen und die problematischen Trennung zwischen ansässiger Bevölkerung und Neuankömmlingen durchbrechen, sind dabei leider rar. Inspirierend tönt dagegen der Vorschlag von Rik Tuithof und Stephan Verkuijlen, der durch überlegte Funktionsmischung zu einer «Integrationsmaschine» avancieren könnte. Im Folgenden sind drei der fünf Preisträger kurz vorgestellt:

 

Niedrige Reihenhaussiedlung mit Lager-chic
René van Zuuk schlägt mit «Re-Settle» einen Bausatz für Module aus extrudiertem Polystyrol vor. Jedes Modul beinhaltet dabei einen Wohnraum von der Grösse eines Hotelzimmers. Die zeltartig wirkenden Objekte sollen nach den Vorstellungen des Architekten zu Reihenhaussiedlungen arrangiert werden.

Ob diese Lösung eine adäquate Antwort auf den Mangel an leistbarem Wohnraum sein kann und die Integration voranbringt, bleibt anzuzweifeln. Denn es ist fraglich, ob so ausreichende Dichte generiert werden kann. Ausserdem besteht die Gefahr, dass solche Architekturen, den bisherigen Containersiedlungen gleich, soziale Segregation und die Herausbildung von gefährlichen Parallelgesellschaften befördern. Auch die Gestaltung der Module, die an Zelte erinnert und einen gewissen Lager-chic versprüht, wirkt befremdlich.

 

Leerstände nutzen
I
n der Kategorie Umnutzung wurden Anneloes de Koff und Pieter Stoutjesdijk für ihr Projekt «ComfortCity» ausgezeichnet. Dieses sieht eine Tragkonstruktion aus Stahlrahmen vor, welche in leerstehende Industriehallen eingebaut und mit Fertigteilelementen zu verschieden grossen und unterschiedlich zugeschnittenen Wohnzellen komplettiert werden kann. Das Potenzial des Vorschlags besteht darin, die künftigen Bewohner ihre eigenen Vorstellungen bei der Disposition der Grundrisse einbringen zu lassen.

Doch wirklich innovativ ist diese Idee nicht: the next ENTERprise architects haben zum Beispiel mit ihrem Projekt «Un/Common Space – Un/Defindes Living», das noch bis November im österreichischen Pavillon auf der Architektur-Biennale in Venedig zu sehen ist, diese Lösung vorgedacht und mit einem Pilotprojekt auf dem Areal «Kempelenpark» in Wien bereits in die Tat umgesetzt: Dort wurden flexible Holzboxen, die Schlafplatz, Wohn- und Stauraum in einem sind, in einem leerstehenden Industriebau platziert.

 

Integrationsmaschine
Einen anderen Weg beschreiten Rik Tuithof und Stephan Verkuijlen aus Amsterdam mit ihrem Entwurf «Hotel – Nice to Meet You!». Er sieht die Kombination aus einem Hotel und einer Unterkunft für Migranten vor. Das Gebäude soll dabei als Transformator wirken und der Integration Vorschub leisten: Das Hotel bietet den Neuankömmlingen Arbeitsplätze, generiert Einnahmen zur Finanzierung des Projekts und wird zur wichtigen sozialen Interaktionsfläche. Auch freiweillige Helfer und Lehrkräfte könnten dort untergebracht werden. Diese Art der Funktionsmischung hat das Potenzial, die Gefahr sozialer Isolation und Ghettobildung zu umschiffen und erscheint bedeutet nachhaltiger als die Ideen anderer Preisträger. Die Architekten sehen ferner vor, ihre «Integrationsmaschine» zu einem späteren Zeitpunkt in Sozialwohnungen für Geringverdiener zu überführen. Es bleibt zu hoffen das diese Einzellösung Schule macht und weitere ähnliche Gestaltungen inspiriert.

 

Hier können Sie sich alle Projekte im Detail ansehen und weiter Informationen zum Wettbewerb nachlesen.

 

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