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Flanieren, Pedalieren, Verweilen

Durch Oerlikons erweiterten Bahnhof sollen mehr Züge auf mehr Gleisen rollen. Doch nicht nur das: am 1. Dezember wurde der Bau eingeweiht, der als Scharnier wirken und eine neue Verbindung zwischen den beiden Teilen des Stadtquartiers im Zürcher Norden etablieren soll. Entstanden ist ein urbaner Raum, der Flaneure und Velofahrer genauso anspricht wie Reisende oder Personen, die einfach zur Arbeit eilen.

 

Text & Fotos: Manuel Pestalozzi – 1.12.2016

Bis zu seiner Eingemeindung im Jahr 1934 war Oerlikon die drittgrösste Stadt des Kantons Zürich. Sie erhielt ein eigenes Zentrum und einen neuzeitlichen Stadtplan. Den Verlauf der Zugstrecke Zürich-Winterthur im Bahnhofbereich nutzte er für eine funktionale Trennung des Wohn- und Einkaufsviertels von den Industriearealen nördlich der Gleise. Heute ist die Industrie weitgehend dem Quartier Neu-Oerlikon mit Wohnungen und Arbeitsplätzen im tertiären Bereich gewichen.

 

Quatiere verknüpfen
Aufgrund dieser Entwicklung war die Erweiterung des Bahnhofs auch eine Chance, die beiden Quartiere so zu verbinden, dass sie als Teil eines Ganzen wahrgenommen werden. Die Unterführung dient deshalb nicht bloss der Erschliessung der Perrons und der Bahnhofs-Infrastruktur, sie umfasst auch eine Unterquerung für Fussgänger und Velos, der ins allgemeine Wegnetz eingebunden ist. Realisiert wurde das siegreiche Wettbewerbsprojekt des Büros 10:8 Architekten aus Zürich.

 

Eine Unterführung als Stadtraum
Beidseits des Gleisfelds und etwas abgesetzt von Bahnhof und Perrons signalisieren zwei grüne, lichtdurchlässige Baldachine den Abgang. In der Nacht lassen sie sich von innen erleuchten, und sie bereiten die herannahenden Velos mit ihrer Ausrichtung auf das gegenläufige Rampenpaar vor, welches in zwei Etappen in den Untergrund hinab führen. Die Rampen befinden sich zwischen der von Läden gesäumten Bahnunterführung mit den Perronaufgängen und der eigentlichen Passage. Diese wird von einer raumhaltigen Lichtwand begleitet, die eine regelmässige Helligkeit erzeugt. Auf der gegenüberliegenden Seite der Passage befindet sich ein grosser Abstellraum für Zweiräder.

Das am 1. Dezember eingeweihte Erweiterungsprojekt sorgt fürr eine überzeugende und völlig ungezwungene Entflechtung von Verkehrsströmen und den verschiedenen Verkehrsteilnehmenden. Die Kombination von Tageslicht und punktförmigen wie auch grossflächigen Kunstlichtquellen ist in der Lage, jederzeit eine angenehme Stimmung zu erzeugen und gleichzeitig gute Übergänge zu den angrenzenden Stadtquartieren zu schaffen. Für die Kultur des Flanierens und des gemächlichen Pedalens haben sich in Oerlikon neue Perspektiven eröffnet.

 

Manuel Pestalozzi ist Architekt und Journalist. Er schreibt regelmässig über Architektur und Städtebau und betreibt die Einzelfirma bau-auslese.

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