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Die Schönheit des Unkonventionellen

Die spektakuläre Landschaft des Coachella Valley und leuchtende blaue Licht der südkalifornischen Wüste verleihen Palm Springs eine einzigartige Magie. Zur Zeit der Nachkriegsmoderne haben die Architekten Donald Wexler und Albert Frey 1962 beziehungsweise 1964 abseits bekannterer Nachbarn jeweils kleine Wohnhäuser in Stahl verwirklicht.1 Heute erscheinen ihre Ideen aus europäischer Sicht vielleicht überholt: Einfamilienhäuser fressen Land und verschleudern aufgrund ihrer geringen Kompaktheit Energie. Stahl hat sich trotz etlicher Anläufe für die Konstruktion von Wohnhäusern nicht durchgesetzt.2 Und doch ziehen beide Häuser nach wie vor die Besucher in ihren Bann und vermögen zu inspirieren.

 

Text und Fotos: Amadeus Dorsch – 5.7.2017

 

Schillernde Architektur in karger Wüstenlandschaft
Die Geschichte von Palm Springs beginnt vor gerade 150 Jahren. Als Siedlung der Cahuilla Indianer gegründet, begannen angloamerikanische Siedler hier seit Ende des 19. Jahrhunderts Landwirtschaft zu betreiben. Erst jedoch das Aufkommen der Klimatisierung machte den Ort in der Wüste für einen ganzjährigen Wohnaufenthalt attraktiv. Ab 1930 wuchs die Stadt so zunächst als Winterwohnsitz wohlhabender Industrieller und erlebte als Rückzugsort der Filmindustrie aus Hollywood eine Blüte.
1934 kamen mit Albert Frey und John Porter Clark erste von der europäischen Moderne geprägte Architekten nach Palm Springs. Ihre von der kargen Wüstenlandschaft dramatisch in Szene gesetzte Architektur prägte fortan den Charakter der Stadt.
Einen weiteren Wachstumsschub brachte dann die Heimkehr der Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg. Doch ab 1970 folgte der Niedergang, die Stadt geriet in finanzielle Schwierigkeiten und ihr Glamour in Vergessenheit. Um die Jahrtausendwende aber wurde der Midcentury Modernism wiederentdeckt und Palm Springs erferute sich als Wohnort neuerlich grosser Beliebtheit. Diese Popularitätswelle hält bis heute unvermindert an; die Stadt schöpft ihre Identität dabei aus ihrer schillernden Vergangenheit und deren Architektur.

 

Prototypen
Die Steel Houses von Donald Wexler stehen etwas abseits am Stadtrand in einer sehr windigen und darum weniger beliebten Gegend. Ursprünglich war eine Siedlung von 30 Typenhäusern geplant.3 Das Programm umfasste einen Unterstand für das Auto, einen Pool, Wohnen, Küche, zwei Bäder und zwei bis vier weitere Zimmer, zwischen denen in einem modularen System ebenso wie aus drei verschiedenen Dachformen gewählt werden konnte. Durch Typisierung und Präfabrikation sollte der Schritt vom individuellen Entwurf zum Serienprodukt gelingen. Dazu wurde ein zentraler, komplett vorgefertigter Kern mit Küche, den Nasszellen und allen Haustechnikinstallationen auf eine Bodenplatte aus Ortbeton gestellt. Filigrane Fassadenstützen tragen das Dach und die Aussenwände bestehen aus Stahlpaneelen.
Die einfache Gebäudestruktur verwendet indes gestalterische Versatzstücke der klassischen Moderne: eine inszenierte Wegführung vom engen, introvertierten Eingang über den mit grossen Schiebetüren verglasten Wohnraum zu den Zimmern bildet einen fliessenden Raum. Die zentrale Küche mit Durchreiche ist aufgeständert und funktioniert als raumbildendes und doch durchlässiges Möbel. Schmale Fensterbänder zwischen Wand und Dach verstärken die grosszügige Wirkung der an sich eher kleinen Räume. Sie machen ausserdem die Feinheit der dünnen, ungedämmten Stahlkonstruktion der Aussenwände spürbar. Ihre Leichtigkeit steht im Gegensatz zum raumgreifend gefalteten Dach. Mit seiner weiten Auskragung schützt es vor der Sonne und verströmt bei aller Offenheit des Hauses eine Atmosphäre der Geborgenheit.
Grosse Verglasungen erweitern das Wohnen in den Garten, der Raum wird erst durch die Mauern auf den Grundstücksgrenzen gefasst. Über ihnen ist die dramatische Silhouette der Berge allgegenwärtig und stellt den Bezug in die Weite her. Reizvoll ist der Kontrast zwischen der eigenen, introvertierten Parzelle und der Landschaft in der Ferne; immer wieder springt die Wahrnehmung zwischen beiden Polen hin und her.
Der eher immaterielle Charakter der Innenräume und die weisse Farbe scheinen die Wirkung der Sandfarben und grünen Wüstenpflanzen im Garten zu verstärken.
Heute stehen die Steel Houses unter Denkmalschutz und wurden so originalgetreu als möglich renoviert.

 

Neue Welt
Die Entwicklung der Nachkriegsmoderne in den USA war eng an die aufkommende Konsum- und Freizeitkultur geknüpft. Palm Springs war der Inbegriff dieses neuen Lebensstils in surrealer Umgebung. Zunehmender Wohlstand und Mobilität machten den aussergewöhnlichen Ort einer breiten Masse zugänglich. Auf die grosse Depression der 1920er-Jahre und den Schock des Zweiten Weltkriegs folgte eine Phase des Optimismus und Fortschrittsglaubens. Die Architektur dieser Zeit avancierte zum Ausdruck eines Lebensgefühls.4

 

Auf kleinstem Fuss
Das Wohnhaus des Schweizer Architekten Albert Frey hingegen entstand fernab von Kommerz und Freizeitkultur auf einem weitgehend unbebauten, kargen Felshang 70 Meter über der Stadt. Der kleine Pavillion reduziert das Raumprogramm auf ein Minimum. Die Enge des eingehausten Raumes steht der Weite der umgebenden Landschaft gegenüber. Ein umbauter Felsblock pointiert diese Verschmelzung von Innen und Aussen. Die Grösse des Hauses ist durch die bebaubare Fläche des steil abfallenden Grundstücks bestimmt. Eine Stützmauer schirmt den Autostellplatz und die Bodenplatte mit Terrasse und Pool ab.
Dem Beton wurden Mineralpigmente zugeschlagen, so dass sich dieser dem Rotbraun des Felses umher farblich annähert. Der rechteckige Grundriss beherbergt einen an drei Seiten verglasten Hauptraum für Wohnen, Essen und Schlafen. Das Bett ist auf das regelmässige Strassenraster der flach in die Ebene gestreckten Stadt ausgerichtet.5 Der grosse Felsblock bildet den Übergang zum Wohnbereich mit Sofa. Leicht erhöht findet ein Schreibtisch, der gleichzeitig auch als Esstisch fungiert, Platz. Auf der Hangseite sind eine kleine Küche, ein Bad und ein Hauswirtschaftsraum angeordnet.
Später wurde das Haus um ein zusätzliches Zimmer erweitert. Einrichtung und Organisation des Einpersonenhaushalts erinnern an eine Schiffskajüte. Das auskragende mit Wellblech eingedeckte Dach wird von Stützen getragen und liegt zusätzlich auf dem angesprochenen Felsblock auf. Über Glasschiebetüren lässt sich der Wohnraum nahezu komplett öffnen, Vorhänge schützen vor der Sonne und wirken im Gegensatz zum Glas raumbildend. Die Konstruktion aus grauen Stahlprofilen, gewellten, teils gelochten Blechen in Grün und Bronze, orangefarbenen Vorhängen und Einbauten in weiss lasiertem Mahagoniholz lässt die Strenge der klassischen Moderne hinter sich und versprüht stattdessen die Heiterkeit einer bunten Collage. Die Verwendung von Farbe und Materialien sowie ihre unprätentiöse Fügung atmen den Erfindergeist Freys und lassen die Aufbruchstimmung seiner Zeit durchscheinen.
Das Haus ist dem Vermächtnis des Architekten entsprechend im Originalzustand erhalten und interessierten Besuchern zugänglich.

 

Inszenierung statt technischer Perfektion
Frey und Wexler entwickelten ihre Ideen aus der Besonderheit des Ortes. Sie inszenieren das Wohnen mit der Natur und die klimatischen Verhältnisse haben beide Häuser typologisch geformt. Energetische Aspekte wie eine gedämmte Gebäudehülle wurden jedoch noch ignoriert. Der Energiebedarf zum Kühlen und Heizen ist entsprechend gross und die Bewohner müssen mit grossen Temperaturschwankungen zwischen heissen Tagen und kalten Nächte zurechtkommen.
Wexler brach die architektonischen Elemente der Moderne auf bescheidene Grössen herunter und machte sie einer breiten Mittelschicht zugänglich. Frey hingegen verwirklichte mit seinem eigenen Wohnhaus ein Experiment, das seine Spannung aus der radikalen räumlichen Beschränkung gewinnt.
Beide Häuser erinnern daran, dass Bauen neben allen praktischen Anforderungen auch schlicht Schönheit und das Erzeugen von Atmosphäre zum Ziel haben kann. Vielleicht hilft also ab und an der Mut zum Unkonventionellen. Den Geist eines Ortes zu erspüren oder eine spezifische Idee des Wohnens zu entwickeln, kann den Bruch mit Gewohntem bedeuten. Darum können die Offenheit Wexlers und Freys Inspiration für die Gegenwart sein. Denn unser hoher Anspruch an Komfort, an technische und funktionale Perfektion, hat unsere Wohnbaukonzepte geglättet; er darf auf seine Verhältnismässigkeit hinterfragt werden.

 

1 Mondäne Villen wie das Kaufmann House von Richard Neutra, das Elrod House von John Lautner oder die Palevsky Residence von Craig Ellwood sind Ikonen ihrer Zeit. Ihre Bekanntheit haben diese Häuser auch und vor allem ihrer Reproduktion in der Fotografie zu verdanken. Schlüsselfigur ist der Fotograf Julius Shulman (1910–2009). Seine Werke haben die Ausstrahlung filmischer Inszenierungen und sind gleichzeitig Ausdruck und Inspiration der Entwicklung einer Konsumästhetik im Nachkriegsamerika.

2 2016 ist zu diesem Thema erschienen: Zu Hause im Stahl, Räumliche und konstruktive Betrachtungen zu Stahl im Wohnungsbau, herausgegeben von der ZHAW bei Park Books, 2016.

3 Die Stahlindustrie war nach dem Krieg interessiert an der Erforschung und Entwicklung neuer Produkte. Wie auch das zu gleicher Zeit laufende Case Study House Programm in Los Angeles waren die Steel Houses eine gute Gelegenheit, potenzielle Käufer zu überzeugen. Stahl war leicht, formstabil, erdbebensicher und termitenresistent, Korrosion im trockenen Wüstenklima keine Einschränkung. Bis 1962 wurden sieben Musterhäuser von Wexler realisiert, später wurde das Projekt wegen steigender Stahlpreise als wirtschaftlich uninteressant verworfen.

4 Die Verquickung des Midcentury Modernism mit dem Kommerz animierte seine Kritiker zu scharfen Urteilen. Die «Vorstadtwohnlichkeit und Bildhaftigkeit» der Architektur wurde als Widerspruch zu den Zielen der «Ehrlichkeit, Authentizität und sozialen und moralischen Verbesserung» der europäischen Moderne verstanden. (Vergleiche Edgar Kaufmann Jr., What Is Modern Design? Introductory Series to the Modern Arts, Bd. 3, Museum of Modern Art, New York 1950) Als Puzzleteil in der vielschichtigen Bewegung der hehren Moderne mag dem Midcentury Modernism ein Makel des Kommerziellen anhaften. Bezeichnend bleibt neben den ästhetischen Errungenschaften unbedingter Fortschrittswille und eine Bereitschaft zu Aufbruch und Suche.

5 Palm Springs ist eine Stadt der Einfamilienhäuser. In der Wohnzone darf bis heute nur eingeschossig gebaut werden, mit der Begründung, dass die Palmen die Häuser überragen sollen.

 

Mirage – Zwischen Unberührtheit und Eroberung der Landschaft. Eine neue Installation von Doug Aitken in der Wüste Südkaliforniens.

 

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