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Kontinuität statt Bruch

Was hat die Losung der Avantgarde seit Coop Himmelb(l)au derart verändert?

 

Text: Elias Baumgarten – 26.11.2015
Zeichnung: Coop Himmelb(l)au

 

Österreichs Avantgardisten, über die Frank Werner einst in Covering + Exposing schrieb, es seien revolutionäre Zellen junger Architekten gewesen, faszinieren mit ihrem Elan und ihrer Aggressivität noch heute – allen voran Coop Himmelb(l)au, die 1980 herausposaunten, sie hätten es satt Palladio zu sehen und Biedermeier zu bauen, Architektur müsse brennen. Die Wiener erprobten mit ihren architektonischen Experimenten wie der Villa Rosa, dem Flammflügel, der Versuchsanordnung harter Raum oder dem martialischen Hot Flat neue Raumkonzepte, um mit dem Bestehenden zu brechen und als beklemmend empfundene Normen und Konventionen hinter sich zu lassen. Aus Architekturen wie dem Hot Flat spricht Frustration und die Ablehnung gebauter und gesellschaftlicher Realität. Sie sind Versuche den markigen Worten architektonische Taten folgen zu lassen. Und wenn beim Zünden des Flammflügels trotz Schutzmassnahmen etliche Fenster der alten Hoffassade der Grazer Universität zu Bruch gingen kann von einem geglückten Experiment gesprochen werden.

Während Coop Himmelb(l)aus avantgardistische Projekte für Innovation, für die Suche nach dem diskontinuierlich Neuen in Folge aggressiver Ablehnung des Tradierten stehen, scheint es angesichts aktueller architektonischer Entwicklungen überholt zu sein, die Wörter «konservativ» und «progressiv» länger als Antonyme zu denken: In der Praxis und an den Hochschulen ist ein Rückgriff auf ein Reportire klassizistischer Formen zu beobachten, der zwischen Kopie und Adaption oszilliert. Und nicht von ungefähr hat Marc Jongen, umstrittener Mitarbeiter bei Peter Sloterdijk, die Behauptung in den Raum geworfen, die Konservativen seien die neuen Avantgardisten. Jetzt gilt es die Hintergründe dieser Entwicklung zu erfragen: Ist die Arbeit mit einem tradierten Formenarsenal Ausdruck eines unbelasteten, positiven Verhältnisses zur Vergangenheit, von Zufriedenheit und Stolz angesichts eigener kultureller Errungenschaften? Was hat sich in den letzten fast vier Jahrzehnten verändert, dass die Losung nun mehr Kontinuität statt Bruch heisst?

Deshalb wird sich Harald Stühlinger in unserem Dezemberheft der österreichischen Avantgarde annehmen und sich in seinem Artikel «Causa Austria» unter dem Metathema von Innovation, Tradition und Adaption mit der Architekturentwicklung in der Alpenrepublik seit dem Zweiten Weltkrieg auseinandersetzt. Er wird aufzeigen, wie Geschichte, deren Aufarbeitung und Deutung mit architektonischer Haltung zusammenhängen und dabei auch die himmelb(l)aue Experimente in den soziokulturellen Kontext einordnen...

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