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Ein Wort hat seit geraumer Zeit Konjunktur – der Begriff der Szenografie. Allenthalben entstehen Studiengänge, die sich dem Thema widmen. Doch Berufsbild und Begriff sind nicht deutlich konturiert. Vielleicht ist es symptomatisch, dass das Internetlexikon Wikipedia unter dem Lemma «Szenografie» lediglich einen kargen Eintrag von gerade einmal vier Sätzen aufzuweisen hat.
Dennoch geht es in diesem Heft der archithese nicht darum, Szenografie,
ursprünglich auf das Theater bezogen, trennscharf zu definieren. Ziel ist es vielmehr, der Vielfalt und Vieldeutigkeit des Begriffs gerecht zu werden. So handeln die Beiträge von Ausstellungsgestaltung und Stage Design, von Bühnenbild und zeitgenössischen Formen des Theaters, von Innenarchitektur und urbanen Events. Von der antiken skene spannt sich der Bogen bis hin zu aktuellen Tendenzen der Generierung von Bildwelten, in der sich reale Räume mit virtuellen Elementen vermischen.
Hybridisierung ist ein Charakteristikum der zeitgenössischen transdisziplinären Eventkultur. Symptomatisch für die Vermischung von Raum, Zeit und diversen Medien waren die beiden erfolgreichen Opernproduktionen des Schweizer Fernsehens in den Jahren 2008 und 2009: La Traviata im Hauptbahnhof und La Bohème im Hochhaus. Giacomo Puccinis berühmtestes Werk, dessen Libretto auf dem Roman Les scènes de la vie de bohème von Henri Murger fusst, wurde vom imaginären Paris des Jahres 1830 in das reale Berner Hochhausquartier Gäbelbach transloziert, dort – zum Teil unter der Mitwirkung von zufälligen Passanten – in einer Wohnung, einer Waschküche sowie im Einkaufszentrum Westside von Daniel Libeskind aufgenommen und live auf verschiedenen Fernsehkanälen sowie im Internet übertragen. Eine literarische Handlung, musikalisch transformiert, fand ihre durch verschiedene Drehorte zerstückelte szenische Realisierung in einer alltäglichen Wirklichkeit, um dann wieder im Fernsehen virtualisiert und zugleich als musikalisch-szenisches Kunstwerk komplettiert zu werden. Die Multiplikation als ubiquitär abzuspielende DVD stellte den letzten Schritt einer komplexen Verschränkung von Realität und Virtualität sowie Alltag und Kunst dar.
Hybridisierung, und das belegen die Beiträge des vorliegenden Heftes, bedeutet mithin die Sprengung bisher gültiger Referenzrahmen und Rezeptionsmechanismen: Das Theater entgrenzt sich, Ausstellungen transzendieren die gewohnten Objektarrangements, Banales erhält als Event höhere Weihen. Ob auf diese Weise neue Gesamtkunstwerke entstehen oder modisch auffrisierte Samplings von Gewohntem, bleibt abzuwarten. Wie auch immer: Mit vier Sätzen wird der Wikipedia-eintrag «Szenografie» in Zukunft nicht mehr auskommen können.
Rubrik
Rem Koolhaas’ Theaterexperimente
Architektur auf der Expo Shanghai 2010
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