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Die sukzessive Entgrenzung des Kunstbegriffs im Verlauf des 20. Jahrhunderts hat die Frage, was Kunst sei und was nicht, beinahe überflüssig werden lassen. War es zuvor möglich, anhand verbindlicher ästhetischer Kategorien materiellen Artefakten Kunstcharakter zuzuweisen oder abzusprechen, so muss sich seit der Konzeptkunst ein Kunstwerk noch nicht einmal materialisieren. Ein Konsens darüber, was Kunst ist und was nicht, lässt sich heute nicht mehr erzielen, und so ist man versucht, sich lediglich auf die zirkuläre Feststellung zu beschränken, Kunst liege dann vor, wenn etwas als Kunst bezeichnet wird.
Angesichts dieser Ausgangslage fällt die Abgrenzung zur Architektur schwer. Dass Kunst sich Strategien und Arbeitsweisen der Architektur zunutze machen kann, ist klar. Aber wie verhält es sich umgekehrt?
Mitunter hört man die Behauptung, Architektur sei durch einen spezifischen Zweck bestimmt, während Kunst als «frei» gilt. Es gibt gute Gründe für diese Ansicht: Tatsächlich ist Architektur üblicherweise an einen Auftrag und an Auftraggeber gebunden und findet ihr Ziel in einer an das Bedürfnis einer räumlichen Notwendigkeit gebundenen Realisierung. Diese Realisierung erfordert überdies einen Aufwand an personellen und finanziellen Ressourcen, der für die Kunst nicht im gleichen Masse zutrifft. Auch wenn das Prinzip von Meister und Werkstatt die abendländische Kunstgeschichte prägte, bis sich gegen 1800 die Idee des genialischen Individuums durchsetzte, so ist Architektur per se durch eine andere Art der Arbeitsteiligkeit geprägt.
Doch alle Versuche der Differenzierung werden kaum zu einer trennscharfen Abgrenzung führen. Insofern wirft dieses Heft einige Schlaglichter auf ein vielschichtiges Verhältnis. Das Wechselspiel der beiden Disziplinen beschränkt sich seit Langem nicht mehr auf «Kunst am Bau» oder «Kunst im öffentlichen Raum». Künstler wie Donald Judd oder Per Kirkeby haben seit geraumer Zeit das Feld der Architektur für sich genutzt, andererseits fühlen sich Architekten mitunter mehr von der Kunst als von den eigenen Berufskollegen inspiriert. Rezipierte man – gerade in der Schweiz – in den Achtzigerjahren den Minimalismus, so entstehen heute vielfach Bauten, die einer neuen Skulpturalität und Dekorativität verpflichtet sind. Manche zeitgenössische Architekten, etwa Ai Weiwei, Jürgen Mayer H. oder Christoph Haerle, arbeiten denn auch zugleich als Künstler.
Kunst wird gemeinhin eine geistige Dimension attestiert, Kunst gilt als reflexiv, mit Kunst scheint die Gesellschaft sich ihrer selbst zu vergewissern. Doch mehr denn je wird Kunst heute von den Triebkräften des Marktes gesteuert und bestimmt. Der bizarre Hype um die Gegenwartskunst verstärkt sich von Jahr zu Jahr. Anders als in der Architektur, bei der Leistungen nach Honorarordnungen abgerechnet
werden, wird der Preis der Kunst direkt vom Marktwert bestimmt. Im Zeitalter des Neoliberalismus gehorcht der Kunstmarkt mehr denn je kapitalistischen Gesetzmässigkeiten. Dass er seine nobilitierende Aura nicht verliert, verstärkt den
generierten Mehrwert. Nur verständlich, dass junge Architekten versuchen, die Strategien des Kunstbetriebs für sich zu nutzen. Denn wo, wenn nicht hier, sind die Auftraggeber zu finden, die Geld haben – und vielleicht auch noch etwas Geschmack.
Rubrik
UN Studio Agora Theater, Lelystad, 2007
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