Zürich ist die grösste Stadt der Schweiz. Ihre Einwohnerzahl – rund 360 000 Personen – mag im internationalen Vergleich geradezu vernachlässigbar erscheinen, für helvetische Verhältnisse ist sie beachtlich. Die Agglomeration Zürich, zu der heute 132 Gemeinden gehören, zählt über eine Million Menschen, was rund 15 Prozent der Schweizer Wohnbevölkerung entspricht. In Zürich gibt es fast gleich viele Arbeitsplätze wie Einwohnerinnen und Einwohner. Aus jeder zweiten Schweizer Gemeinde pendeln Menschen nach Zürich zur Arbeit. Als Wirtschaftsstandort, Verkehrsknotenpunkt, Standort von Universität und Hochschule, kultureller Hotspot und Ort internationaler Austauschbeziehungen ist die Stadt für die ganze Schweiz von entscheidender Bedeutung. Sie ist das Zentrum einer funktional zusammenhängenden Region, welche Gemeinde- und Kantonsgrenzen sprengt.
An dieser Diskrepanz zwischen funktionalen und politischen Grenzen krankt Zürich – zusätzlich zu den klassischen Problemen wie Verkehr, Wohnungsmangel, hoher Anteil an Unterstützungsbedürftigen und Kriminalität, mit denen fast jede europäische Kernstadt konfrontiert ist. In einem kleinteiligen, föderalistischen Land fällt die Umstellung auf den grossen Massstab schwer. Die Mehrheit von ländlich geprägten Kantonen im Ständerat sowie starke antistädtische Reflexe führen immer wieder dazu, dass der überregionalen Bedeutung Zürichs selbst dann keine Rechnung getragen wird, wenn dies katastrophale Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung der ganzen Schweiz hat. Ein Beispiel ist das Projekt für den Durchgangsbahnhof Löwenstrasse, welcher den hoffnungslos überlasteten historischen Kopfbahnhof erweitern und der Stadt einen besseren Anschluss an das transeuropäische Transportnetz ermöglichen würde. Weil der Bund die Finanzierung weiterhin nicht gesichert hat und stattdessen Bauprojekte in peripheren Regionen unterstützt, wird gegenwärtig auf Kosten des Kantons gebaut. Ohne den Beitrag des Bunds kann das Projekt indes nicht fertig gestellt werden, dem «Schweizer Bahnherz» droht der Kollaps.
Stadtplanung in Zürich ist also nicht nur eine lokale Angelegenheit – doch das ist sie auch. In diesem Heft sollen daher sowohl spezifisch zürcherische als auch allgemeinere Fragen der Stadtplanung zur Sprache kommen. Ein geschichtlicher Überblick fasst die wichtigsten Ansätze zusammen, die Zürich in den letzten hundert Jahren geprägt haben. Die Chancen einer europäischen Metropolregion Zürich werden ebenso erörtert wie die neusten Entwicklungen im genossenschaftlichen Wohnungsbau. Ein Zürcher Architekt, ein niederländischer Stadtplaner sowie eine Vertreterin und zwei Vertreter des Hochbaudepartements kommen zu Wort. Und last but not least gibt es einen kritischen Blick auf Zürich West und Zürich Nord, wo zurzeit neue Stadtteile anstelle ehemaliger Industrieanlagen entstehen oder bereits entstanden sind.
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