Ein seltsames Phänomen: Heutzutage gilt es in
Fachkreisen als nachgerade degoutant, von «schöner Architektur»
zu sprechen. Architekten und Kritiker sind sich einig darüber,
dass Räume spannungsvoll oder interessant sind, kaum jemand
aber nähme das Adjektiv schön in den Mund. Eine Kategorie,
die als venustas über Jahrzehnte den architekonischen Diskurs
geprägt hat, ist marginalisiert, wenn nicht tabuisiert.
Ohne Zweifel ist dieses Phänomen ein Resultat fachinterner
Diskurse, welche die Bestimmungen und Funktionszuweisungen von Architektur
grundlegend verändert haben. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts
begann sich die architektonische Moderne in Abkehr vom Eklektizismus
zu formieren. Und das bedeutete auch: in Abkehr von der bisherigen,
von der Beaux-Arts-Tradition bestimmten Ausbildung. Die Universitäten,
die nun zu den wichtigen Ausbildungsstätten avancierten, waren
technisch ausgerichtet, und die Debatte um die Schönheit wich
anderen Fragen – etwa der, wie Architektur auf die Anforderungen
der Gesellschaft zu reagieren habe. Nicht, dass die Frage nach dem
Schönen nicht weiterhin für den Entwurfsprozess von Bedeutung
gewesen wäre – nur diskutiert wurde sie kaum. Schönheit
war als Luxusphänomen verdächtig. Erst der Postmoderne
gelang es, das alte Thema erneut aufzugreifen – wenn auch
nunmehr ironisch gebrochen. Nachhaltig geändert aber hat sich
nichts. Schönheit in der Architektur ist weiterhin ein Tabu.
Ausgangspunkt für dieses Heft bildete die Erkenntnis, dass
sich das, was für den Sektor Architektur zutrifft, in anderen
Bereichen deutlich anders darstellt. Gerade in der Populärkultur
ist die Suche nach dem Schönen derzeit virulent: Sendungen
wie The Swan basieren auf der nicht in Frage gestellten Übereinkunft,
dass ein breit akzeptiertes Schönheitsideal existiert. Webpages,
bei denen Besucher die Fotos anderer Menschen bewerten, zeugen von
dem fast manischen Wunsch, durch Zusicherung von Schönheit
das Ego zu stabilisieren. Und, fragt man das breite Publikum, so
besteht – wie Jörg Seifert schreibt – durchaus
eine Vorstellung davon, was schöne Architektur sei, auch wenn
das der Fachöffentlichkeit meist nicht gefällt.
Wahrscheinlich ist es in der Kunst leichter, über Ästhetik
zu sprechen, und so werden mit Annelies Strba, Adrian Schiess und
Helmut Federle in diesem Heft drei Künstler präsentiert,
die sich in ihren Œuvres seit langem mit Schönheit auseinander
setzen. Vor allem aber wird eines in den Farbflächen von Schiess
und den Städtevideos von Strba deutlich: dass Schönheit
seit jeher mit Ambivalenz verbunden ist und bedrohlich werden kann.
Die Kategorie des Erhabenen erhält hier neuerliche Aktualität.
Die beiden Sakralbauten, die wir vorstellen, zeigen, wie unterschiedlich
Schönheit bei einer identischen Bauaufgabe verstanden werden
kann. Und wie unterschiedlich Schönheit im zeitgenössischen
kulturphilosophischen Diskurs verortet wird, dokumentieren die beiden
theoretischen Beiträge von Wolfgang Welsch und Beat Wyss, die
das Gerüst dieses Heftes bilden. Dazu tritt der abschliessende
Essay von Friedrich von Borries und Matthias Böttger mit dem
Postulat eines Begriffs, den die Autoren Peter Weiss entlehnt haben:
einer nötigen «Ästhetik des Widerstands»,
auch für die Architektur.
Rubriken
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