In der USA werden Menschen weisser Hautfarbe, die
sich auf den untersten Stufen der sozialen Leiter befinden, zynisch
als White Trash bezeichnet. Marylin Manson hat sie besungen, Eminem
trotzig verkörpert – und dann hat sich die Mode ihrer
bemächtigt. Mittlerweile gibt es für alle, die es sich
leisten können, White-Trash-Kochbücher, White-Trash-Sushi
(für Speck-Maki nehme man Sushireis, Speck, Gurke, Mayonnaise
und Nori), White-Trash-Wrestling mit Stars wie El Ninja, Yeti, Dr.
Hercules und Educator, ein Berliner Lokal namens White Trash Fast
Food und die belgische Band White Trash European Blues Connection.
Trash ist Trend, auch in der Architektur. Spätestens seit
Le Corbusier sind Künstler und Architekten von der tektonischen
Wucht anonymer Industriebauten fasziniert; zunehmend entdeckt auch
die urbane Partyszene die räumlichen Qualitäten von heruntergekommenen
Silos, Bunkern und Tiefgaragen. Von da ist es nur noch ein kleiner
Schritt zu Bars im echten oder falschen Stil einer wieder zum Leben
erweckten Epoche. Der «gute Geschmack», von der Popkultur
erschüttert und in der Postmoderne auf eine harte Probe gestellt,
lässt sich in kulturell diversifizierten Gesellschaften ohnehin
nicht mehr allgemein gültig definieren. Heute baut sich jeder
eine Villa nach eigenem Gusto – oder vielmehr nach dem Vorbild
leicht konsumierbarer Themenparks, Moden und Fernsehserien. Ob geschäftstüchtige
Promoter viel Geld mit billiger Ästhetik verdienen oder ob
kritische Architekten ironisch-liebevoll darüber sinnieren,
wie es die Londoner Gruppe FAT (archithese 5.2004) oder die Analogen
tun: An Trash kommt man kaum vorbei. Spaziergänge in Disneyland,
in DDR-Western-Städten und im Schweizer Hinterland stimmen
nachdenklich; die Normbauten grosser Discounter, die häufig
sowohl im ökonomischen als auch im ästhetischen Sinn billig
sind, ebenfalls.
Nun gibt es aber neben den gut betuchten Bohemiens, die mit Industrieästhetik
und trashy style kokettieren, und den Häuslebauern, die sich
ehrlich über gefällige Formen freuen, auch jene, für
die günstige Wohnbauten eine Überlebensfrage bedeuten.
Eine Milliarde Menschen weltweit lebt in Slums, nicht selten in
unbeschreiblich elenden Behausungen, die notdürftig aus Abfall
zusammengebastelt sind. Räumliche und soziale Segregation sind
die Folge; Abhilfe kann nur in Zusammenarbeit mit den Betroffenen
geschaffen werden. Gefragt sind in erster Linie Wirtschaft und Politik,
aber auch die Architekten.
Selbst in privilegierten Ländern ist der Bedarf nach Sozialwohnungen
ungebrochen: Die Frage nach der Wohnung für das Existenzminimum
ist noch lange nicht beantwortet. Besorgte Industrielle des 19.
Jahrhunderts, die architektonische Avantgarde der Zwanzigerjahre,
der Nationalsozialismus, der real existierende Sozialismus, westliche
Sozialstaaten und zahllose engagierte Architekten haben sich des
Problems angenommen; heute kommen Fertighausanbieter und Möbelhersteller
hinzu, eine Tendenz, die viele als beunruhigend empfinden. Dennoch:
Es entstehen immer wieder gelungene Beispiele, die zeigen, dass
günstige Bauweise und hohe architektonische Qualität sich
nicht gegenseitig ausschliessen. Die soeben fertig gestellte Cité
Manifeste in Mulhouse vereinigt gleich fünf Projekte, die trotz
Sparzwang grosszügig und phantasievoll gestaltet sind.
Billige Ästhetik, Slums und günstige Bauten in hoher
architektonischer Qualität – die schimmernden Facetten
des Begriffs Trash sind Thema dieses Heftes.
Rubriken
Herzog & de Meuron Allianz Arena, München
Peter Eisenmann Holocaust-Denkmal,
Berlin
Bünzli Courvoisier Siedlung
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