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archithese ist die führende Architekturzeitschrift der Schweiz und erschient 6x jährlich im Verlag Niggli

   
 
 

2001 – 2010

1991 – 2000

1981 – 1990

1971 – 1980

4.2005
Trash
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Günstiges Bauen – Rationalisierung und Gefühl
Slums – Gewaltspirale und urbane Segregation
Jenseits von Kitsch – Disneys Welten
Baukunst für alle! Typenbauten von Discountern
Betrachtungen über die Peripherie
Countrytrash und Westernpop

Bauten und Projekte: Cité Manifeste, Mulhouse
Jean Nouvel, Shigeru Ban / Jean de Gastines, Lacaton & Vassal, Duncan Lewis / Block, Mathieu Poitevin / ART’M

 

In der USA werden Menschen weisser Hautfarbe, die sich auf den untersten Stufen der sozialen Leiter befinden, zynisch als White Trash bezeichnet. Marylin Manson hat sie besungen, Eminem trotzig verkörpert – und dann hat sich die Mode ihrer bemächtigt. Mittlerweile gibt es für alle, die es sich leisten können, White-Trash-Kochbücher, White-Trash-Sushi (für Speck-Maki nehme man Sushireis, Speck, Gurke, Mayonnaise und Nori), White-Trash-Wrestling mit Stars wie El Ninja, Yeti, Dr. Hercules und Educator, ein Berliner Lokal namens White Trash Fast Food und die belgische Band White Trash European Blues Connection.

Trash ist Trend, auch in der Architektur. Spätestens seit Le Corbusier sind Künstler und Architekten von der tektonischen Wucht anonymer Industriebauten fasziniert; zunehmend entdeckt auch die urbane Partyszene die räumlichen Qualitäten von heruntergekommenen Silos, Bunkern und Tiefgaragen. Von da ist es nur noch ein kleiner Schritt zu Bars im echten oder falschen Stil einer wieder zum Leben erweckten Epoche. Der «gute Geschmack», von der Popkultur erschüttert und in der Postmoderne auf eine harte Probe gestellt, lässt sich in kulturell diversifizierten Gesellschaften ohnehin nicht mehr allgemein gültig definieren. Heute baut sich jeder eine Villa nach eigenem Gusto – oder vielmehr nach dem Vorbild leicht konsumierbarer Themenparks, Moden und Fernsehserien. Ob geschäftstüchtige Promoter viel Geld mit billiger Ästhetik verdienen oder ob kritische Architekten ironisch-liebevoll darüber sinnieren, wie es die Londoner Gruppe FAT (archithese 5.2004) oder die Analogen tun: An Trash kommt man kaum vorbei. Spaziergänge in Disneyland, in DDR-Western-Städten und im Schweizer Hinterland stimmen nachdenklich; die Normbauten grosser Discounter, die häufig sowohl im ökonomischen als auch im ästhetischen Sinn billig sind, ebenfalls.

Nun gibt es aber neben den gut betuchten Bohemiens, die mit Industrieästhetik und trashy style kokettieren, und den Häuslebauern, die sich ehrlich über gefällige Formen freuen, auch jene, für die günstige Wohnbauten eine Überlebensfrage bedeuten. Eine Milliarde Menschen weltweit lebt in Slums, nicht selten in unbeschreiblich elenden Behausungen, die notdürftig aus Abfall zusammengebastelt sind. Räumliche und soziale Segregation sind die Folge; Abhilfe kann nur in Zusammenarbeit mit den Betroffenen geschaffen werden. Gefragt sind in erster Linie Wirtschaft und Politik, aber auch die Architekten.

Selbst in privilegierten Ländern ist der Bedarf nach Sozialwohnungen ungebrochen: Die Frage nach der Wohnung für das Existenzminimum ist noch lange nicht beantwortet. Besorgte Industrielle des 19. Jahrhunderts, die architektonische Avantgarde der Zwanzigerjahre, der Nationalsozialismus, der real existierende Sozialismus, westliche Sozialstaaten und zahllose engagierte Architekten haben sich des Problems angenommen; heute kommen Fertighausanbieter und Möbelhersteller hinzu, eine Tendenz, die viele als beunruhigend empfinden. Dennoch: Es entstehen immer wieder gelungene Beispiele, die zeigen, dass günstige Bauweise und hohe architektonische Qualität sich nicht gegenseitig ausschliessen. Die soeben fertig gestellte Cité Manifeste in Mulhouse vereinigt gleich fünf Projekte, die trotz Sparzwang grosszügig und phantasievoll gestaltet sind.

Billige Ästhetik, Slums und günstige Bauten in hoher architektonischer Qualität – die schimmernden Facetten des Begriffs Trash sind Thema dieses Heftes.

Rubriken
Herzog & de Meuron Allianz Arena, München
Peter Eisenmann Holocaust-Denkmal, Berlin
Bünzli Courvoisier Siedlung Hagenbuchrain, Zürich



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