Bescheidenheit ist eine Zier. Doch bei weitem nicht
die einzige. Und was bedeutet schon Bescheidenheit für die
Architektur, wenn heute fast jedes Ornament deutlich günstiger
hergestellt werden kann als eine glatte Oberfläche oder ein
formal reduziertes Detail?
Einst wenigen vorbehaltenes Statussymbol,
erfuhr das Ornament durch die
Industrialisierung des 19. Jahrhunderts – zumindest in Architektenkreisen – eine
drastische Entwertung. Zum einen verlor es wegen der gesunkenen Herstellungskosten
und der entsprechend rasanten Verbreitung viel von seinem ökonomischen
Prestige. Zum anderen musste seine Daseinsberechtigung kritisch befragt
werden: Waren viele Ornamentformen – wie etwa die Ziernaht – aus
den Zwängen tradierter Herstellungstechniken oder aus spezifischen
Materialeigenschaften entstanden, so büssten sie, maschinell
fabriziert und in neuen Materialien ausgeführt, jeglichen Sinn
ein. Und nicht zuletzt wurde die Funktion des Ornaments als Kommunikationsmittel
in Frage gestellt: Jene kulturellen Konventionen, die bestimmten
Formen klar definierte Konnotationen zuwiesen, und das Verständnis
für bildhafte Symbole waren im Zuge sozialer Umwälzungen
und grosser Wirtschaftskrisen weitgehend verloren gegangen. Beliebig
von einem Objekt auf das andere übertragen, von seinem Träger
losgelöst und den Betrachter vielleicht noch ästhetisch,
aber nicht mehr intellektuell herausfordernd, wurde das Ornament
zu einer reinen Dekoration.
Die Heftigkeit, mit der seit den Anfängen
der Moderne über
den Stellenwert des Ornaments polemisiert wird, erstaunt daher
nicht. Hinzu kommt, das sich in der Ornamentfrage fast alle wichtigen
Themen konzentrieren, die die
Architektur seit jeher bestimmen: Schönheit, Sinnlichkeit,
Ausdruckskraft, Natur versus Kunst, Einheit versus Vielfalt, Repräsentation,
Verständlichkeit, Gebrauchstauglichkeit, Material, Statik
und Herstellung. Bemerkenswert ist vielmehr, dass heute eine gelassenere
Diskussion über dieses von der frühen Moderne verteufelte
Thema möglich ist.
Dieses Interesse hat sicher mit dem modischen
Revival der Siebzigerjahre zu tun. Nicht unwichtig dürften auch
die Entwicklungen der letzten Jahre in der Bauphysik und in der Computertechnologie
sein: Der Schichtenaufbau,
in unseren Breitengraden inzwischen beinahe unumgänglich, hat
eine differenziertere Neubewertung von Begriffen wie Verkleidung,
Bekleidung und «konstruktive Ehrlichkeit» zur Folge;
digital unterstützte Entwurfs- und Fertigungsmethoden erlauben
es, spezifizierte Unikate zum gleichen Preis herzustellen wie serielle
Bauteile, und ermöglichen damit die Realisierung massgeschneiderter
Ornamente.
Doch selbst wenn Pracht und Üppigkeit heute nicht
mehr tabu sind, hat sich
die Wahrnehmung des Ornaments in den letzten hundert Jahren grundlegend
gewandelt. Vom affirmativen Symbol zum kritischen Verfahren mutiert,
als integraler
Bestandteil des Entwurfs oder als ironische Brechung des Konzeptes
eingesetzt, reflektiert das Ornament auch heute den aktuellen Stand
des architektonischen Diskurses.
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