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archithese - die Architekturzeitschrift der Schweiz erscheint 6x jährlich

   
 
 

3.2015 Juni    

Balkan Beats

Den Balkan gestalten
Zwischen Aufbruchsstimmung und Stagnation
Junge Büros suchen nach regionalen Ansätzen

Urbane Hot Spots
Entwicklungen in Tirana, Belgrad und Split
Über die Konstruktion nationaler Narrationen

Neuausrichtungen und Kontinuitäten
Transformation von Städten, Küsten und Denkmälern
Umgang mit dem sozialistischen Architekturerbe

Architektur als Kampfzone
Wirkungsmächte des Neokapitalismus
Kirchen und Moscheen als territoriale Marker

 

Als die Redaktion der archithese im letzten Winter am Fresh-Europe-Heft arbeitete, kristallisierte sich ein besonderes Interesse am Architekturgeschehen der Balkanregion heraus. In Kunst und Musik werden die Kreativen dieser Länder hoch gehandelt – doch was passiert in der Architektur? Krise und Stillstand oder Boom und Aufbruchsstimmung? Welche Trends zeichnen sich in Albanien, Bulgarien oder Rumänien ab? Die Lage scheint zwei Jahrzehnte nach den Kriegen zwischen den ehemaligen jugoslawischen Teilrepubliken zwar stabilisiert, doch erweist sich diese Ruhe bei genauerem Hinsehen als trügerisch. Gelöst sind die ethnischen und kulturellen Konflikte nämlich nicht; Ländergrenzen wurden mitunter einfach auf historischen Linien eingefroren und schmerzvolle Erinnerungen an die gewaltsamen Konflikte versperren vielerorts den Blick in die Zukunft. Umso wichtiger ist es, den Alltag räumlich zu verbessern und progressiv an den Städten zu arbeiten, um Perspektiven für ein künftiges Zusammenleben herauszuarbeiten.
Aktuelle Publikationen über die Architektur der Region schauen vor allem zurück – vorrangig auf die faszinierende moderne Avantgarde der 1960er und 1970er Jahre. In der distanzierten Reflexion scheint es möglich, die totalitären Kontexte ihrer Entstehung auszublenden und insbesondere auf dem Territorium des ehemaligen Jugoslawiens ihre Qualitäten als faszinierende Verräumlichungen multiethnischer, aufgeklärter und moderner Gesellschaftsvisionen zu lesen. Um nicht in Nostalgie zu schwelgen, haben wir im Heft den Blick jedoch vor allem auf gegenwärtige Strömungen gerichtet und beleuchten lediglich für ihre Verortung schlaglichtartig den historischen Kontext. Balkan Beats nimmt einzelne Orte und Akteure ins Visier und versteht die vielschichtigen Realitäten und Geschichten als inspirierenden Nährboden.
Die kulturellen und ökonomischen Unterschiede zwischen den Balkanländern sind grösser geworden; dies spiegelt sich auch in der Architektur. Slowenien und Kroatien konnten eine hochstehende Architekturproduktion entwickeln und entlang der Adriaküste etabliert sich ein High-End-Tourismus. An anderen Orten wird hingegen versucht, mit kleineren Budgets zeitgemässe Lösungen zu finden. Trotz schwacher Ökonomien gleisen einige Regierungen der jungen Nationalstaaten auf der Suche nach Prestige ehrgeizige Projekte auf. Planungen wie zur Belgrader Waterfront oder dem Stadtumbau von Skopje 2014 versuchen im Eiltempo die Gesichter der Hauptstädte zu liften und deren Geschichte neu zu erfinden. Dafür werden mitunter fragwürdige finanzielle und politische Klimmzüge unternommen. Auch für gesamteuropäisch gesinnte, säkulare und aufgeklärte Zeitgenossen erscheinen einige Entwicklungen befremdlich: So spriessen in Bosnien und Herzegowina religiöse Bauten aus dem Boden – nicht nur, um die vielen kriegszerstörten Kirchen und Moscheen zu ersetzen. Nach der Strategie gezielter Zerstörung wird das Bauen zum Instrument territorialer Konfliktführung.
archithese versucht zudem subtilere Ansätze in Architektur und Urbanismus aufzuspüren und beleuchtet dafür etwa, wie Architektinnen und Aktivisten Dialoge aufspannen im Versuch, Stadtbewohnern bei der Artikulation ihrer Bedürfnisse zu helfen und diese politisch und räumlich zu implementieren. Balkan Beats will aufzeigen, dass die komplexe Geschichte der Region als inspirierende Folie dienen kann, um eine aktuelle, reiche architektonische und urbanistische Zukunft zu gestalten.


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