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6.2014 Dezember    

Die Architektur Europas | Fresh Europe

Identitäten
Ein janusköpfiger Kontinent
Koexistenz von Widersprüchen

Austerität
Kreative Wege in Zeiten der Knappheit
Junge Mindsets abseits der Institutionen

Grenzen
Offenheit vs. Festung
Die Schweiz als Insel

Symbolische Bauten
EU-Neubauten in
Frankfurt, Brüssel und Wien

 

Das Ringen um die Form und Zukunft der Europäischen Union hat die politischen Meldungen der vergangenen Jahre dominiert. Seit der Finanzkrise fokussiert die Berichterstattung über Europa zunehmend auf Fragen rund um Geldflüsse und Bürgschaften, Arbeitsplatzsicherheit und Preisstabilität. Die jahrhundertealten kulturellen Verflechtungen und die über Jahrzehnte hinweg aufgebauten politischen und wirtschaftlichen Gemeinsamkeiten der einzelnen Länder fallen mitunter hinter aggressiv artikulierte Re-Nationalisierungstendenzen zurück.

Über die Architektur Europas zu schreiben heisst seine kulturelle Identität zu diskutieren – also die geografische, politische und kulturelle Natur des Kontinents zu verstehen. Soll es dabei um ein gemeinsames ( architektonisches ) Erbe gehen oder im Gegenteil um die Stärkung eines regionalen Antagonismus ? « Das Verbindende in Europa ist seine Widersprüchlichkeit », schreibt Thomas Meyer und rückt die Gleichzeitigkeit verschiedener Konzepte und die Komplexität einer stimulierenden Heterogenität ins Zentrum. archithese liest Europa und seine Architektur analog als offenes System und wirft Schlaglichter auf seine vielfältigen Schichten.

Wir fragen, wie Austerität, multilokale Krisen, fünf Millionen arbeitslose Jugendliche und ein nahezu vollständig zum Erliegen gekommener Bausektor in einigen südlichen Ländern Europas Einfluss auf die gegenwärtige Architekturproduktion nehmen. Überzeugt vom Sprichwort « in jeder Krise steckt auch eine Chance », suchen wir nach Keimzellen und Strategien für eine mögliche Neuausrichtung der Profession, bei der die gesellschaftliche Teilhabe und die politische Rolle von Architektur wieder stärker in den Mittelpunkt rücken. Gleichzeitig werden aktuell eine Reihe wichtiger Neubauten der EU-Administration fertiggestellt, die auf eine Zeit verweisen, als die Wandlung vom Staatenbund in einen Bundesstaat greifbar schien. Wie lassen sich diese Ikonen heute deuten ? Betreibt die EU eine gezielte Architekturpolitik ? Wir werfen einen Blick auf die Institutionen und Interessensvertreter der Disziplin in Brüssel.

Bei aller Betonung von kultureller Offenheit und Ambiguität ist die EU vor allem ein wirtschaftspolitisches Projekt, das seine Aussengrenzen permanent verschiebt und festigt. Während im Inneren die Grenzen fallen, werden die Aussengrenzen aufgerüstet – von Melilla bis Lampedusa, von Bulgarien bis Griechenland. Die EU ist zwar heterogen, für einen Beitritt und Zutritt müssen dennoch klare Kriterien erfüllt werden.

Während sich die Väter der EU noch über deren Wirtschaft und politische Zukunft streiten, ist das geeinte Europa jenseits der Nationalstaaten für eine junge Generation bereits eine gewohnte Realität. archithese sucht daher auch nach europäischen Mindsets, die Abseits der Institutionen liegen. Was sind die Grundlagen der jungen europäischen Kultur und wie finden sie Ausdruck in einem neuen Umgang mit Raum, Ort und Architektur ?

Es geht der archithese-Redaktion insgesamt nicht darum, Europa als hilfloses Opfer zu zeigen – wie es die namensgebende phönizische Königstochter war, die in der griechischen Sage von dem als Stier getarnten Zeus entführt wurde –, sondern darum, ein aktives Gestalten anzuregen, den Bullen an den Hörnern zu packen und zu reiten !


Die Redaktion



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