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archithese - die Architekturzeitschrift der Schweiz erscheint 6x jährlich im niggli Verlag

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3.2014    
Neomanie – Langeweile
Hype – Boredom

No future!: Räume der Vintage-Gesellschaft
Alltagsarchitektur in Belgien
Pavillons als Sommerhits
Neuer Realismus und die Architektur der Stadt
über die Qualität des Unentworfenen
Der bewohnbare Rohbau: Bauten von Brandlhuber+
Frank Gehrys Frühwerk weitergedacht
Sensationsbauten – das Waffenarsenal der Architektur
Denmark: Neomania is here!
Rem Koolhaas über De Rotterdam

Atelier Deshaus Long Museum, Schanghai

 

Hype oder Langeweile – sind das die Extreme, zwischen denen es sich zu entscheiden gilt? Immer schneller scheint sich auch im Bereich der Architektur der mediale Blick auf die in-and-out-Themen, auf Trends oder wenige Shootingstars der Szene zu reduzieren. Gibt es noch eine Resilienz der langsamen Sache Architektur, oder gehören längst Monotonie und Langeweile als Label ebenfalls zur aktuellen Hypekultur, wie die Plattformen uglybelgianhouses oder fuckyeahbrutalism zu verdeutlichen scheinen? Inwieweit unterscheidet sich beispielsweise die politisch motivierte Architekturförderung einer jungen belgischen Architektenszene, die sich als kulturelle Praxis einer neuen Gewöhnlichkeit verschrieben hat, von ihrem dänischen Kollegen der New-Wave-Generation um BIG oder COBE? Beide Fraktionen stehen im Kontext vom rise and fall der SuperDutch-Ära und versuchen zwanghaft, sich in Zeiten der Globalisierung auf der Suche nach einer baukulturellen Identität einem Label zuzuordnen und in die Welt der Marken und Brands einsortieren zu lassen. Dabei spielte in den frühen Neunzigerjahren die sogenannte signature architecture als Impulsgeber einer identitätsstiftenden Reurbanisierung eine wichtige Rolle, bevor sie zu reproduzierbaren Klischees erstarrte. Eine Entwicklung, die den neuen Bauten von Frank O. Gehry gerne pauschalisiert unterstellt werden. Aber in der genauen Betrachtung stösst man auf einen Kontextualismusbegriff in seinem Werk, der sich mit den Aspekten der Alltagsarchitektur oder der Formgebung und Oberflächenbehandlung aus der Kunstszene L.A.’s auseinandersetzt.

Gegenwärtig werden die Ideen des Dirty Realism wieder neu verhandelt. Worin gründet das aktuelle Interesse, sich mit Brandwänden, Investruinen oder den Agglomerationen der Vororte auseinanderzusetzen? Liegt in den einfachen, gewöhnlichen Bauten eine verborgene Qualität? Interessant erscheinen unter diesem Gesichtspunkt gerade die Berliner Beiträge vom Büro Brandlhuber+, das seine Projekte als gebaute Architekturkritik versteht. Wie steht es um den gegenwärtig medial befeuerten New Realism, der sich rein auf die morphologische Ebene zurückzieht und die politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Realitäten der Stadt aussen vor lässt? Handelt es sich dabei um perfekt inszenierte Medienkampagnen oder um den Verlust von Aufmerksamkeit? Ist der Architekturdiskurs inzwischen wie die Politik in Zeiten von Urlaub, Strand und Sonne bei einem Sommerloch-Thema angekommen? Die Entwicklungen in der Architektur der letzten Jahre zeigen eine Hinwendung zur Event-Architektur mit ihrem temporären Spektakel und dem Zelebrieren des kurzlebigen Ereignisses einer auf Lifestyle ausgerichteten Konsumgesellschaft. Dabei erweist sich der Pavillon als äusserst beliebter Typus – als hip, cool oder fresh. Die Pavillons der Serpentine Gallery mit wechselndem Staraufgebot, das Guggenheim Lab oder die Sushibar-Favela auf der letzten Art Basel zählen zu den vielen Sommerhits vergangener Tage; was kommt jetzt? Mit dem Drang nach dem stetig Neuen läuft man Gefahr, der Mode zu verfallen, mag dabei der Vintage-Trend mit seiner Hinwendung zur Reproduktion zumindest das Qualitätsversprechen des Bewährten für sich in Anspruch nehmen. Angesichts der unter der Leitung von Rem Koolhaas stehenden, kürzlich eröffneten Architektur-Biennale in Venedig mit dem Thema «Absorbing Modernity 1914–2014» und der Beschäftigung mit den fundamentals stellt sich die Frage, ob die grosse Leistungsschau mehr sein will als ein Medienhype, ein Sommerlochthema oder ein Rückblick. Ist die Moderne unsere Antike? Dies bereits als Ausblick auf die übernächste Ausgabe der archithese...


Die Redaktion



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