archithese - member of bsmediagroup

archithese - die Architekturzeitschrift der Schweiz erscheint 6x jährlich

   
 
 

4.2015 August    

Luxus

Kultureller Wandel
Erlebnis- und Sinnsuche ersetzen Statussymbole Die Rolle von Luxus für die Baukultur

Werthaltigkeit statt Statusdenken
Quintus Miller – ein Plädoyer für Langlebigkeit Valerio Olgiati spricht über die Villa Além

Synchronität
Luxus als Mehrwert im urbanen Raum? Für die soziale Heterogenität der Stadt

Neue Akteure
Mäzenatentum – wichtig, aber unkontrollierbar? Digitale Services verändern die Nutzung der Stadt

 

 

Über Luxus zu schreiben, scheint entweder voyeuristisch motiviert oder auf eine Kritik des Exzessiven abzuzielen. Dabei ist der Diskurs, der sich rund um diesen Begriff in Bezug auf Architektur aufspannt, wesentlich facettenreicher und substanzieller, als das auf seiner glänzenden Oberfläche erscheinen mag. Denn es geht auch um die permanente Suche des Menschen nach mehr Komfort und Lebensqualität – und diese ist weder moralisch fragwürdig noch verwerflich.
« Alle Bauwerke, die wir als architektonisch wertvoll erachten oder herausragend finden, waren zur Zeit ihrer Erbauung Luxus », bemerkte Christoph Gantenbein bei der Vorbereitung dieser Ausgabe und strich damit heraus, dass ohne das Bedürfnis und die Suche nach Luxus kaum architektonischer Mehrwert entstanden wäre. Aus diesem Blickwinkel könnte dieses Streben sogar als wesentliche Triebkraft für architektonische Entwicklung gelesen werden.
Dass es dennoch schwierig, aber auch offensichtlich notwendig ist, über Luxus in der Architektur zu diskutieren, zeigte in den letzten Wochen die hitzige Diskussion um den von Morphosis entworfenen schlanken Turm mit Eigentumswohnungen für Vals. Vordergründig wurde darüber debattiert, wie sinnvoll oder passend diese Typologie in einem Alpendorf ist und wie öffentlich zugänglich ein solches Projekt wäre. Fast die gesamte Schar der Kritiker reihte sich zur gemeinsamen Front und blies zur Attacke gegen das ortsfremde Luxus-Projekt. Aber mit der Logik ihrer Argumentation müsste die selbe Gruppe seit Jahrzehnten auch gegen andere UFO-artig gelandete Typologien in den Alpen wie das städtische Barockpalais oder die aufgeblähten Pseudo-Chalets wettern. Auch sie sind – wie die glitzernde Dubaiesque Nadel für Vals – geschlossene Parallelwelten. Das legt offen, dass ( in der Schweiz ) zwischen akzeptiertem ‹diskreten › und abzulehnendem ‹obszönen › Luxus in der Architektur eine scharfe Trennlinie gezogen wird. Erlaubt ist nur, was nicht zu stark auffällt.
Wir haben versucht, trotz der hohen sommerlichen Temperaturen und dem emotional aufgeladenen Thema einen kühlen Kopf zu bewahren und einen vielfältigen theoretischen Diskurs rund um das Thema Luxus aufzuspannen. Denn am Begriff lässt sich ein prägnanter gesamtgesellschaftlicher Wertewandel aufzeigen. Während Luxus im Nahen Osten oder Asien mitunter frivole Urstände feiert, verlieren Prestigeobjekte wie Villen, Fahrzeuge und andere Statussymbole in der westlichen Welt immer mehr an Bedeutung, weil diese sich demografisch und mental in Richtung Seniorität gewandelt hat. Erlebnisse und Erfahrungen stehen im Fokus; das Materielle wird unwichtiger und die Frage nach dem Sinn rückt ins Zentrum – mit weitreichenden Folgen für die Architektur. In der Schweiz kreist der Diskurs schon länger um Werthaltigkeit und räumlichen Mehrwert.
Aber vor allem wenn es um Urbanität geht, ist weniger nicht unbedingt mehr. War die mittelalterliche Stadt noch sozial gemischt und waren damit auch die üppigen Fassaden der Bürgerhäuser und die umliegenden Plätze für alle erleb- und benutzbar, zieht sich die Oberschicht aktuell vermehrt in gated communities zurück. Die Qualität von öffentlichem Raum wird damit ausgedünnt, fragmentiert oder mitunter sogar zerstört. Luxus – das machen die Diskursstränge dieser Ausgabe deutlich – ist der Luzifer der Architektur. Er mag zu egoistischen Exzessen verführen, aber er kann auch Lichtbringer sein und als produktiver Impuls für die Architektur und den öffentlichen Raum in Erscheinung treten. Insofern gilt es, das Biest an den Hörnern zu packen und vor den richtigen Karren zu spannen.


Hier aktuelle Ausgabe bestellen >



© archithese – Kontakt | Design: Bernet + Schönenberger und Nicola Winzer

Studentenabo Archithese bestellen