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2.2015 April    

Architektur und Soziologie

Architektursoziologie
Eine junge Disziplin mit neuen Sichtweisen

Projekte mit sozialem Mehrwert
Herzog & de Meuron: Arena do Morro, Natal
Müller Sigrist: Genossenschaft Kalkbreite, Zürich

Nutzerinteressen als Entwurfspotenzial
Partizipation zwischen politischer Agenda und Lifestyle

Etablierter 1970?er-Jahre-Diskurs ?
Von der Spaziergangswissenschaft zum inklusiven Design

Soziale Interaktion gestalten
Transdisziplinäre Suche nach urbanen Qualitäten

 

Architektinnen und Architekten mögen mit ihren Bauten, Entwürfen oder Texten nach einem Mehrwert für die Gesellschaft suchen. Die Klassiker von Lefebvre, Habermas oder Latour gehören noch immer zu den vielgelesenen Standardtexten. Doch was genau wissen die beiden Disziplinen Architektur und Soziologie heute tatsächlich voneinander ? Gibt es Schnittstellen und gemeinsame Projekte ? Kennen Architekturschaffende die Theorien und Fragestellungen, die aktuell in der Soziologie diskutiert werden ? Wie betrachtet und wertet diese die Gesellschaft und wie gewichtet sie die Rolle der Architektur für die Gemeinschaft ?
Mit dieser Ausgabe zeigt die archithese alte und neue Schnittstellen zwischen Architektur und Soziologie, zeigt Ergebnisse und Potenziale und rückt damit einmal mehr die Architektur der Gesellschaft ins Zentrum. Damit thematisieren wir, was selbstverständlich scheint, dies in der neoliberalen Wirtschaftsordnung jedoch nicht ist. Ein Architekt sollte über die Bedürfnisse und das Zusammenleben der Gesellschaft nachdenken und mit jedem Projekt nach dem bestmöglichen Beitrag für die Gemeinschaft suchen. Ein Rückblick zeigt aber, dass der Diskurs zwischen Architektur und Soziologie mit der Postmoderne abgenommen hat. Im Zuge der Autonomen Architektur trat die Suche nach der Verortung in der Geschichte für die meisten Gestalter in den Vordergrund. Zunehmend gewann auch das globale ( Stadt- ) Marketing und somit die Stararchitektur an Bedeutung. In den 1980?er Jahren löste der Immobilienmarkt den Sozialstaat ab, der Marketingberater ersetzte den Soziologen.
Hier deutet sich jedoch eine Wende an. Beide Disziplinen interessieren sich zunehmend ( wieder ) füreinander. Jedoch kann bisher nur von einer Annäherung gesprochen werden und noch nicht von einem gemeinsamen Diskurs. Die Architektursoziologie formiert sich aktuell zu einer eigenen Gruppe innerhalb der Soziologie. Sie interessiert sich für Phänomenalität, Materialien und Ausdruck des Gebauten. Parallel stossen auch Stadtsoziologen und Geografen in die Diskussion vor. Städte werden als Abbild und bestimmendes Gefäss für die Gesellschaft untersucht. Auch wenn deren Definition im westlichen Kulturkreis zunehmend diffizil erscheint und dem multiparadigmatischen Ideal sogar abträglich ist: Seit der Jahrtausendwende wagt sich die Soziologie wieder an die Kritik von Lebensformen und fragt nach deren Einflüssen und Anforderungen an die zeitgenössische Architektur. Der Fokus liegt allerdings auf empirischen Untersuchungen und nicht darin, einen aktuellen Stand der Gesellschaft zu definieren und nach Übertragungen in die gebaute Umwelt zu suchen. Doch genau hier liegt ein grosses Potenzial.
Aufseiten der Architektur zeigen aktuell mehrere Genossenschaften, dass es lohnt, die Bedürfnisse der Zielgruppen ernst zu nehmen. Die Kalkbreite in Zürich sticht als Beispiel für Alternativen zum Real Estate-Mainstream hervor und macht Mut, vermehrt über partizipative Planungsprozesse nachzudenken. Engagierte Projekte etablierter Büros beweisen, dass es möglich ist, durch die Architektur einen gesellschaftlichen Mehrwert zu schaffen. Die Arena do Morro in Brasilien beispielsweise von Herzog & de Meuron zeigt, dass Architektur nicht trotz, sondern gerade wegen ihres sozialen Anspruchs eine konzeptionelle Tiefe und eine kontextuelle Verortung erfahren kann.
Dass heute zunehmend transdisziplinäre Zusammenarbeiten gesucht und Soziologen immer häufiger als Teammitglieder bei der Planung grösserer Überbauungen angefragt werden, macht deutlich: Das Feld für neue fruchtbare Kooperationen ist eröffnet. Wir möchten inspirieren und motivieren, den Diskurs über den Beitrag der Architektur zu einem qualitätsvollen Miteinander in den Fokus zu rücken.


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